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MASCH - Marxistische Abendschule Hamburg. Forum für Politik und Kultur e.V. ***********

Veranstaltungen im Winter 2o19/2o


Editorial

Jedes Halbjahr bieten wir neben Lektürekursen (insbesondere, wie auch dieses Semester, zum „Kapital“ von Karl Marx) auch thematische Einzelveranstaltungen an. Diese wollen „eine sich auf Vernunftgründe stützende Kritik gegen den Zeitgeist“ fördern (siehe Selbstverständnis der MASCH).
Wir haben seit zwei Semestern „Rechtsruck/Populismus“ im Fokus. Dabei sind wir selber auch in der Such- und Sichtungsphase und werden an diesen Themen weiter arbeiten. Da die linke Debatte inhaltlich sehr aufgefächert ist, laden wir Referent/innen ein, die recht unterschiedliche, linke / marxistische, Erklärungen liefern und somit auch unterschiedliche Reaktionsvorschläge haben. Damit wollen wir eine breite linke Öffentlichkeit ansprechen.
In diesem Semester liegt der Schwerpunkt auf einem Aspekt des Rechtsrucks/Populismus, dem Thema „Migration“. In den zwei Veranstaltungen werden dabei auf marxistischer Grundlage durchaus konträre Schlussfolgerungen gezogen, so dass eine engagierte Diskussion nötig ist.

 



ENTFÄLLT Workshop
Nach der Krise ist vor der Krise – Lessons learned?
Der Siegeszug des fiktiven Kapitals. Wie Kapitalismus wurde, was er ist.

Die nächste Krise wird bald über uns hereinbrechen, und zwar, ohne dass die letzte wirklich beendet zu sein scheint. Börsencrash, Wirtschaftseinbrüche durch (das Ende der) Nullzinspolitik, neue Handels- und andere Kriege – so klingen einige der prophezeiten Szenarien. Selbst die FED [US Notenbank] warnt vor dem riesigen Schattenbankenreich, das sich weiter aufgetürmt hat und vor CLOs [Collateralized Loan Obligation], einer Kapitalmarktpraxis, welche Unternehmensanleihen genauso verwertet, wie bei der letzten Krise Immobilienkredite. Aber auch hier gibt es wieder explosive Aktivitäten. Die Preise für US Privatimmobilien sind höher als 2007.
Und wenn die nächste Krise ausbricht, werden wieder die Schuldigen gesucht. Die „Realwirtschaft“ soll dann wieder da und dort zu viel oder zu wenig investiert, der Staat zu viel oder zu wenig reguliert haben, aber vor allem wird wieder von der „Gier“ der Finanzmärkte die Rede sein.

Ebenso sicher wird es dann alle möglichen Vorschläge geben, was Politik, „Realwirtschaft“ und Finanzmarkt nun zu tun hätten. Als wären Krisen im Kapitalismus vermeidbar, würden nur die richtigen Schlüsse gezogen. Dabei war eins bisher in der Geschichte des Kapitalismus so sicher wie das Amen in der Kirche: das Auftreten von Wirtschaftskrisen.
Die breite Masse wird wieder den Schaden am eigenen Leib spüren. Dann wird es spannend werden, wie viel Empörung daraus entsteht und in welche Richtung diese Empörung gehen wird. Die so genannten Rechtspopulisten sind schon in den Startlöchern, um alte und neue Sündenböcke anzubieten.

Es gibt also einige wichtige Gründe, die richtigen Lehren aus der letzten Krise zu ziehen. Bevor wir im Workshop über Ausblicke sprechen, begeben wir uns jedoch zunächst auf eine intensive wirtschaftshistorische Zeitreise in die USA: Wie fand der Aufschwung 2002-07 statt? Wie genau kam es zu Krise und Crash 2007-09? Und wie haben bestimmte Staaten die immensen Rettungsschirme und Konjunkturpakete organisiert? Worin besteht der systemische Zusammenhang der letzten Krise zur Krise davor, der sogenannten Dotcomkrise und wie zu der, welche gerade im Anmarsch ist? Wir werden dies in den Kontext setzen zu wichtigen Äußerungen von Marx zum Zusammenhang der drei Kapitalien, „industrielles“, „zinstragendes“ und „fiktives“, sowie über Krisen.

Workshop in Kooperation der MASCH Hamburg mit „AntikapWiki“, einem Zweipersonenprojekt mit großem Wachstumspotenzial, das seit der letzten in Vorbereitung auf die nächste Krise Kapitalismuskritisches in Schrift, Bild und Ton sammelt, im Bemühen um Verständlichkeit ohne Vorwissen.

Anmeldung über

Termin: Samstag, 28.o9.2o19, 13:oo-17:3o Uhr NEUER TERMIN FOLGT!
Ort: Centro Sociale (Kolleg), Sternstraße 2, 20357 Hamburg



Andreas Wehr
Die Ökonomie der Migration und das Versagen der Linken

Die Flüchtlingskrise hat das Land in zwei Lager gespalten, in Anhänger der „Willkommenskultur“ und jene, die in der Entscheidung der Bundeskanzlerin Merkel, die Grenzen am 3. September 2015 für Flüchtlinge und Migranten zu öffnen, ein Verhängnis sehen.
Asylbewerber stellen aber nur einen Teil derer dar, die nach Deutschland kommen, um hier Arbeit zu finden. Es ist die Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU, die die Zuwanderung von Arbeitskräften vor allem aus den mittelost- und osteuropäischen Beitrittsländern, aber auch aus Südeuropa ermöglicht.
Es sind dieselben Gründe, die früher zu Asylanträgen von Bürgern dieser Länder und heute zur Einreise aufgrund der Arbeitnehmerfreizügigkeit führen: Armut, Arbeitslosigkeit, schlechte Lebensbedingungen und ganz allgemein der Wunsch nach einem besseren Leben.
Die Folgen der Abwerbung von Arbeitskräften sind für die Herkunftsländer verheerend.

Eine linke Antwort kann nicht in der Forderung nach „offenen Grenzen für alle Menschen“ bestehen.
Eine sozialistische Politik muss vielmehr die entwickelten Staaten darauf verpflichten wollen, durch den Einsatz all ihrer Fähigkeiten und ihres Reichtums eine humane Lösung des Problems der Unterentwicklung und des Bevölkerungsdrucks zu ermöglichen. Sozialisten müssen sich vor allem dafür einsetzen, dass die natürlichen Ressourcen dieser Länder an Bodenschätzen, Agrarflächen sowie an Fischgründen dem Zugriff des multinationalen Kapitals entzogen werden. Die Hoheit über ihre Wirtschafts- und Finanzpolitik ist wieder herzustellen und ihre Souveränitätsrechte und Grenzen sind in vollem Umfang zu respektieren.
Die in der EU herrschende Personenfreizügigkeit ist einzuschränken, um die von ihr abgeleitete Arbeitnehmerfreizügigkeit aufheben zu können. Nur auf diese Weise kann der Aufholprozess der mittel- und osteuropäischen Länder in der Europäischen Union gewährleistet werden, der durch den permanenten Abfluss qualifizierter Arbeitskräfte nach Westen bereits jetzt immer langsamer wird.

Andreas Wehr ist Jurist. Von 1999 bis 2014 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter der „Konföderalen Fraktion der Vereinten Europäischen Linken/Nordische Grüne Linke“ im Europäischen Parlament. Er ist Autor von Büchern vor allem über die EU. Zuletzt erschienen von ihm „Europa, was nun? Trump, Brexit, Migration und Eurokrise“. Er ist, zusammen mit Marianna Schauzu, Mitbegründer des Marx-Engels-Zentrums Berlin. Weitere Informationen unter www.andreas-wehr.eu.

Eine Veranstaltung der MASCH-Hochschulgruppe.

Referent: Andreas Wehr (Berlin)
Termin: Donnerstag, 24.1o.2o19, 19:oo Uhr
Ort: Universität Hamburg, Allendeplatz 1 (Pferdestall), 2. Stock, Raum 245



Andreas Grünwald
Sozialistische Klassenpolitik und Migration

Die Gründe für die Migration sind weder naturgegeben, noch das Resultat von Misswirtschaft in den weniger entwickelten Ländern, sondern das Resultat der ökonomischen Wirkungszusammenhänge der kapitalistischen Produktionsweise. Gleichzeitig wird die heutige Massenmigration durch imperialistische, auch deutsche Politik gegenüber weniger entwickelten Ländern in ihren Ursachen noch befeuert. Für die Migranten basiert ihre Flucht auf dem konkret gegebenen sozialen Elend, das sie in ihren Ländern – nicht selten auch in der Folge von Kriegen – vorfinden. Migration bedient aber auch kapitalistische Verwertungsinteressen in den Aufnahmeländern. Durch Billiglohnkräfte, Spaltung der dortigen Lohnabhängigen, manchmal auch durch die Abwerbung gut ausgebildeter Arbeitskräfte aus einigen Herkunftsländern.

Auch im 19. Jh. gab es Millionen Migranten vor allem auch aus Europa, die häufig in Amerika ihr Glück suchten. Die sozialistische Arbeiterbewegung, die „Internationalen Arbeiterassoziationen“ (IAA), auch der internationale Stuttgarter Kongress von 1907 versuchten dazu einen Standpunkt zu finden, der einerseits den Alltagskämpfen gegen die Kapitalisten gerecht wird, der aber zugleich auch chauvinistische und nationalistische Ideologien schwächt.
Marx, Engels – später auch Lenin – analysierten die ökonomischen Hintergründe für die Migration. Sie erkannten die daraus resultierenden Probleme für die Arbeiterbewegung und schilderten diese drastisch. Gleichzeitig sprach aber Lenin von einer „fortschrittlichen Bedeutung dieser modernen Völkerwanderung“ für revolutionäre Sozialisten.

Zu welchen Schlüssen sind die Klassiker gekommen? Was kann davon auf die heutige Zeit übertragen werden? Wie könnte eine sozialistische Position zu Fragen der Migration heute aussehen? Die müsste für die Alltagskämpfe, aber auch für unsere Perspektive, eine andere nichtkapitalistische Gesellschaft zu erkämpfen, tauglich sein.

Andreas Grünwald war viele Jahre für linke Zeitungen als Journalist tätig. Er engagiert sich in der Friedensbewegung. Seine Positionen zur Migration leitet er aus dem Studium der marxistischen Klassiker ab.

Eine Veranstaltung der MASCH-Hochschulgruppe.

Referent: Andreas Grünwald (Hamburg)
Termin: Freitag, o8.11.2o19, 18:oo Uhr
Ort: Universität Hamburg, Allendeplatz 1 (Pferdestall), 2. Stock, Raum 245



Alex Demirović
Kritische Theorie als reflektierter Marxismus

Die Wahrnehmung der älteren Kritischen Theorie durchlief mehrere Phasen. In den 1950er Jahren wurde sie als Kulturkritik wahrgenommen, seit den 1980er Jahren als eine durch Resignation gekennzeichnete Sozialphilosophie, die sich in aporetisches Denken geflüchtet haben soll. Schnell war der Vorwurf geäußert, sie sei elitär, ästhetisierend und praxisdistanziert. In einer kurzen Phase der 1960er und 1970er Jahre war jedoch offensichtlich die Kritische Theorie eng verbunden mit den Protestbewegungen und der Erneuerung der „Theorie“. Schon Herbert Marcuse stelle erstaunt fest, wie wenig Adorno als Marxist wahrgenommen wurde. Das ist ein entscheidender Punkt. Die Kritische Theorie kann und sollte als ein genuiner Beitrag zur marxistischen Theorie begriffen werden. Das entsprach ihrem Selbstverständnis. Wird die Theorie nicht in diesen Kontext gestellt, wird sie verrätselt. In seinen vielfältigen Suchbewegungen, die sich insbesondere in seinen Vorlesungen erkennen lassen, erhebt Adorno den Anspruch auf eine kritische Erneuerung und Weiterentwicklung des Marxismus eben in der Gestalt der kritischen Theorie. Dabei werden die klassischen Begriffe des westlichen Marxismus und insbesondere die Begriffe der Totalität, der Dialektik oder der Ideologie einer kritischen Überprüfung unterzogen. An solchen kritischen Überlegungen lässt sich zeigen, wie aktuell die Kritische Theorie auch für heutige Diskussionen über eine emanzipatorische Praxis ist.

Alex Demirović ist Redaktionsmitglied der Zeitschrift Prokla, Mitglied im Beirat des BdWi, im wissenschaftlichen Beirat von Attac und Fellow des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Eine Veranstaltung der MASCH-Hochschulgruppe.

Referent: Prof. Dr. Alex Demirović (Goethe Universität Frankfurt/Main)
Termin: Freitag, 22.11.2o19, 19:oo Uhr
Ort: Universität Hamburg, Allendeplatz 1 (Pferdestall), 2. Stock, Raum 245



Silke van Dyk

Identität oder Klasse? Über eine falsche Alternative in Zeiten des Rechtspopulismus

Mit dem Brexit-Votum, dem Wahlsieg Donald Trumps, der Regierungsbeteiligung der FPÖ oder dem Erstarken der AfD in Deutschland tritt mit aller Dringlichkeit vor Augen, dass rechtspopulistische und nationalistische Kräfte auf dem Vormarsch sind. Statt emanzipatorische Kräfte zu einen, hat die Suche nach Erklärungen für die Erfolge des Rechtspopulismus innerhalb der politischen wie akademischen Linken zu heftigen Kontroversen geführt. Öffentlichkeitswirksam wird darüber gestritten, ob die Hinwendung nach rechts vor allem eine »Notwehr« der unteren Schichten gegen den (Neo-)Liberalismus ist oder ob hier vielmehr aus der gesellschaftlichen Mitte heraus Privilegien gegenüber Geflüchteten, Migrant*innen, Homosexuellen oder Frauen verteidigt werden. Wo Rassismus den einen als wichtige Erklärungskraft gilt, ist dieser für die anderen nur der fehlgeleitete Ausdruck eines zwar politisch (nach rechts) fehlgeleiteten, grundsätzlich aber berechtigten Strebens nach sozialer Gerechtigkeit. Von liberalen, sozialdemokratischen wie linken Kräften ist derzeit dabei gleichermaßen zu hören, die Überakzentuierung linker Identitätspolitiken, das Eintreten für die Belange von Frauen, Migrant*innen, LGBTQI* oder Schwarzen habe (die in dieser Entgegensetzung weiß und männlich gedachten) Arbeiter*innen und ökonomisch weniger Privilegierte in die Arme der Rechten getrieben. Zugleich ist innerhalb der Linkspartei, unter kritischen Wissenschaftler*innen wie auch in der medialen Debatte eine Re-Nationalisierung der sozialen Frage zu beobachten, im Kontext derer internationalistische und kosmopolitische Positionen, die auf transnationale Solidarität und Gerechtigkeit setzen (und eine lange Tradition in der Arbeiterbewegung haben) zur Spielwiese privilegierter Intellektueller erklärt werden.
Der Vortrag setzt sich kritisch mit diesen Diagnosen auseinander und wirft die Frage auf, warum Sexismus, Rassismus und Homophobie in Zeiten der erstarkenden Rechten verstärkt zu Nebenwidersprüchen erklärt werden, während die Klassenfrage verstärkt als soziale Frage weißer männlicher Arbeiter im globalen Norden kurzgeschlossen wird. Leitend für den Vortrag ist die Frage, wie eine emanzipatorische Kritik jenseits der problematischen Entgegensetzung von Klassen- und Identitätspolitik aussehen kann.

Silke van Dyk ist Professorin für Politische Soziologie am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind: Soziologie der Sozialpolitik und des Wohlfahrtsstaats, kritische Gesellschaftstheorie und Kapitalismusanalyse, Politische Soziologie, Soziologie des Alter(n)s und der Demografie.

Eine Veranstaltung der MASCH-Hochschulgruppe.

Referent: Prof. Dr. Silke van Dyk (Friedrich-Schiller-Universität Jena)
Termin: Donnerstag, o6.o2.2o2o, 19:oo Uhr
Ort: Universität Hamburg, Allendeplatz 1 (Pferdestall), 2. Stock, Raum 245

Hinweise
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Tagungsband: Aufhebung des Kapitalismus
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